Die Geschichte des Weddings
Der Wedding tritt in die Geschichte unseres Vaterlandes um die Wende des 12. zum 13. Jahrhunderts ein,
in der Zeit der Wiedergewinnung der an die wendischen Eroberer verloren gegangenen Gebiete östlich der Elbe. Etwa zwischen 1210
und 1245 wird das kleine Dörfchen Wedding besiedelt.
Die Entstehung des Weddings
Die ältesten erhaltenen Zeugnisse aus der Geschichte des Weddings finden wir im Berlinischen
Stadtbuche, das uns aus dem 12. bis 13. Jahrhundert wertvolle Nachrichten übermittelt. Der 22. Mai 1251 muss als der
eigentliche Geburtstag des Weddings angesehen werden, da es hier die erste urkundliche Erwähnung des Dorfes Wedding und der
Pankemühle gibt. Eine weitere Urkunde vom 14. August 1289 berichtet darüber, dass Markgraf Otto V. der Stadt Berlin den Hof
Wedding schenkte. Den in der Urkunde genannten „Hof- oder Ritterhof Wedding“ hat höchstwahrscheinlich einst der Ritter Rudolf
von Wedding, der als brandenburgischer Burgmann an den Kriegen gegen die Wenden teilgenommen und sich durch Tapferkeit hervorgetan
hatte, mit einem weiteren Gebiet an der Panke als Lehen erhalten.
Das Weddinger Wappen
Es ist erwiesen, dass das Rittergeschlecht der Weddinge (das aus dem Harz im Gebiet des ehem.
Erzstifts Magdeburg stammte), infolge zahlreicher und großer Tüchtigkeit zu den angesehensten Versallen der brandenburgischen
Markgrafen und der Erzbischöfe von Magdeburg zählte. Es ist jedoch wenig über das im 17. Jahrhundert ausgestorbene
Geschlecht erhalten geblieben. Am bekanntesten ist das Wappen der Familie, das Jahrhunderte später zum Wappen des Bezirks wurde.
Der Name der Weddinge ist abgeleitet aus dem altdeutsche Stamm „Uaten“, der darauf hindeutet, dass ihr Stammsitz
im Harz einst am Rande eines großen Sumpfgebietes gelegen haben muss.
Um die Mitte des 13. Jahrhunderts war der Ritter Friedrich von Kare Besitzer des Weddinghofes, jedoch bestand
zu dieser Zeit das Dorf gleichen Namens nicht mehr. Es ist davon auszugehen, dass es bei einem Aufstandsversuch der Wenden
zerstört wurde. In den folgenden Jahrhunderten gibt es kaum noch Nachrichten über den Wedding.
Seit dem 16. Jahrhundert...
Erst als 1601 der kürfürstliche Kämmerer und Geheime Rat, Graf Schlick von
Passau und Weiskirchen, Pazellen zur Errichtung einer Meierei erwarb, entstand mit den neuen Gebäuden auch ein neuer
„Weddinghof“, der im Bereich der heutigen Reinickendorfer- und Weddingstrasse lag.
1817 erwarb die Stadt Berlin den Weddinghof als Erbpachtdomäne für einen Betrag von 31050
Reichstaler, der damit zum zweiten Mal zu Berlin kam (1811 hatte Berlin den Wedding – der laut eigener Darstellung „Berlin
keinen Nutzen brachte“ – noch kaltblütig abgestoßen). Damit begann das Gebiet für die Stadt Berlin
interessant zu werden und als 1835 die vier von Friedrich Wilhelm III. in Auftrag gegebenen und von Schinkel im
klassizistischen bzw. neogotischen Stil entworfenen Vorstadtkirchen eingeweiht wurden, lagen zwei davon im heutigen Wedding
(St. Paul und Alte Nazarethkirche).
Bereits der Große Kurfürst erkannte und schätzte das hervorragende Wasser, welches
die Quelle des späteren Gesundbrunnens hervorbrachte. 1766 gründete Dr. Wilhelm Behm den „Friedrichs Gesundbrunnen“
(späteren Ortsteil" Gesundbrunnen" und auch der Wedding ging in Erbpacht an diesen über. Dr. Behm
gründete bereits 1758 (mitten im siebenjährigen Krieg) voll unterstützt durch Friedrich dem Grossen die
Heilquelle und errichtete eine sehr beliebte und im 18. Jahrhundert geschätzte Bade- und Trinkheilanstalt, von der sich
auch Königin Luise Heilung erhoffte.
Bekannt wurde das Bad durch das im Rokokostil erbaute Brunnenhäuschen mit der Inschrift
„In Fonte salus“ (In der Quelle ist Heilung). Die Quelle wurde Ende des 19. Jahrhunderts bei Bauarbeiten zerstört.
Ein besonders makabres Schauspiel hatte der Wedding seit Friedrich dem Grossen auch noch zu bieten:
Auf dem heutigen Gartenplatz (dort wo seit dem Ende des 19. Jahrhunderts die St. Sebastiankirche steht) fanden die
öffentlichen Hinrichtungen Berlins statt. Die letzte Hinrichtung erfolgte am 2. März 1837, als die Gattenmörderin
Meyer gehängt wurde.
Seit 1809 wurden an der heutigen Müllerstrasse Windmühlen gebaut und bereits 1827 „klapperten“
dort 19 Windmühlen. Die Strasse selbst wurde um 1800 auf Anregung der Brüder Humboldt chausseeartig ausgebaut
(als Teil der Chausseestrasse, die am Oranienburger Tor beginnt -und dort auch so heißt- und etwa bei der Gaststätte
„Alter Fritz“ in Tegel endet).
Die 1948er Revolution ging auch durch den Wedding: Zahlreiche Arbeitslose, die in den Rehbergen – quasi
als damalige ABM – Sand karrten, rotteten sich unter dem Ruf. „Rin in de Stadt, de Freiheit is in Jefahr!“ manchmal zusammen
um nach Berlin zu ziehen und sich dort an den Unruhen zu beteiligen. Und da der Alkohol auch eine große Rolle mitspielte,
schlossen die Bürger schnell ihre Fensterläden und Geschäfte, um sich vor den erwarteten Schäden der
gefürchteten „Rehberger“ zu schützen. Laut einer königlichen Kabinettsorder vom 28. Januar 1860 werden der
Wedding und das Louisenbad nebst der Kolonie am Louisenbade (Gesundbrunnen) gegen den Willen des Magistrats und der
Stadtverordnetenversammlung zum 1. Januar 1861 mit Berlin vereinigt.
Am 1. Januar 1861 wird der Wedding endgültig ein Teil von Berlin
Die Einwohnerzahl beträgt zu jener Zeit 14692 Seelen. Die Zeit nach der
Reichsgründung und die Gründerjahre bescheren auch dem Wedding einen enormen Aufschwung und Bautätigkeit.
Der Wedding wird einer der Berliner Industriestandorte.
Der Boom der Industrie im Wedding hält bis zum 2.Weltkrieg an (u. a. AEG, Telefunken,
Osram, „Weser“-Flugzeugbau etc.). Schattenseite dieser Entwicklung war ein Industrieproletariat, das sich meist auch Einwanderern
aus den preußischen Provinzen rekrutierte, die oft in Hinterhöfen in übervölkerten, viel zu kleinen
und unhygienischen Wohnungen leben mussten und deren einige Zerstreuung nach harter, getaner Arbeit die „Destille“ war.
Ein beredter Chronist dieser Welt des „kleinen Mannes vom Wedding“ in der Zeit vor und nach dem 1. Weltkrieges war der Zeichner
und Maler des „Milljöh’s“, Heinrich Zille (1858-1929).
Das Jahr 1918 macht auch vor dem Wedding nicht halt: Die Weddinger Arbeiterschaft tritt am 9. November
in den Generalstreik – dennoch vollzieht sich im Wedding der Umsturz ohne Blutvergießen. Mit der Gründung von
Groß-Berlin im Jahre 1920 wurde der Wedding der 3. Bezirk der deutschen Hauptstadt (von insgesamt 20 Bezirken).
Die Inflation bringt den Weddingern harte Zeiten und schwere soziale Not. Die 20er Jahre jedoch beginnen
das Aussehen des Bezirks zu verändern:
Bestimmten bisher graue, trostlose Mietskasernen, mit viel zu vielen engen, lichtlosen Höfen das Bild, so entstehen nun
u. a. ab 1925 mit dem neuen afrikanischen Viertel neue Stadtteile im Grünen mit hellen, lichten, modernen und hygienischen
Wohnungen (z. T. nach Entwürfen von Mies van der Rohe), der neue Straßenbahnhof an der Müllerstrasse
(Architekt: Jan Krämer) entsteht unddie Rehberge entstehen als neuer hervorragend angelegter Volkspark.
Die kommunistischen Maiunruhen von 1929
Blutige Barrikadenkämpfe zwischen der Polizei und Kommunisten in der Kösliner
Straße und darum, die vom 1. bis 5. Mai 1929 währen und 19 Tote fordern. Am 18. November 1930 wird der
Rathausneubau an der Müllerstrasse eingeweiht (Architekt: Stadtbaurat Martin Wagner). 1931 wird die Friedrich-Ebert-Siedlung
zwischen Müller- und Windhuker Strasse erbaut (Architekten: Mebes, Emmerich und Bruno Taut). Die schwere Wirtschaftskrise
ab 1930 bringen dem Wedding wieder viel Leid und Unruhen (schwere Strassen- und Saalschlachten zwischen NSdAP- und
KPD-Anhängern, die viele Todesopfer fordern). Dennoch kommt es beim BVG-Streik von 1932 zu einer seltsamen Einheitsfront
von NSdAP und KPD: Gemeinsame Streikposten von SA und Rotfront stehen vor dem Straßenbahnhof in der Müllerstrasse.
Ihr gemeinsamer Gegner ist die junge Demokratie und die demokratischen Parteien.
Mit der Etablierung der Nazidiktatur beginnt auch für den Wedding eine schwere, dunkle Zeit, die
besonders für die jüdischen Mitbürger des Bezirks ein kaum zu übertreffende Härte mit sich bringt.
Wenige Tage nach den letzten freien Wahlen werden die demokratisch gesinnten Beamten und Lehrer aus der Bezirksverwaltung
entlassen. Der neue nationalsozialistische Bezirksbürgermeister lieferte mit diesen „Säuberungen“ und dem Hinauswurf
der jüdischen Ärzte aus den Krankenhäusern ein Zeugnis davon, welch Geistes Kind er war.
Besonders tragisch war die Geschichte des Jüdischen Krankenhauses und des Jüdischen Altersheims
in der Zeit der NS-Diktatur. Der Krieg war die Fortsetzung dieser schlimmen Zeit. Die Bombenangriffe zerstörten
unzählige Häuser und Strassen und kosteten vielen Menschen das Leben (u. a. Zerstörung fast aller Kirchen
des Weddings). Das Kriegsende brachte zuerst ganz Berlin - so auch dem Wedding – die Herrschaft der sowjetischen Besatzungsmacht
(zahlreiche Übergriffe, Vandalismus und Plünderungen in den Wohnungen, unzählige Vergewaltigungen etc. waren die
Folge).
Zuerst die Briten und danach die Franzosen lösten 1945 die Sowjets als Besatzungsmacht ab.
Durch den Versuch der Sowjets 1948/49 durch die Berlin-Blockade ganz Berlin an sich zu reißen wurden nun die West-Alliierten
durch ihre Luftbrücke Freunde und Beschützer der Berliner. Eine Freundschaft, die sich hier im Wedding ganz
besonders zu Frankreich entwickelte und bis zum Abzug der alliierten Truppen 1994 aus Berlin sich bestens und hervorragend
bewährte. Mit der Spaltung der Stadt durch die Kommunisten und der Gründung der „DDR“.
1948 und 1949 wurde rückte der Wedding als Grenzbezirk in den Brennpunkt des „Kalten Krieges“.
Die offene Grenze ermöglichte vielen Ost-Berlinern und DDR-Bürgern die Flucht in den freien Teil Berlins und der
Wedding war vielfach ihre erste Begegnung mit der Freiheit, sei es, dass sie zu Fuß oder mit der U- oder S-Bahn hier
ankamen. Für viele von „drüben“ waren auch die reich gefüllten Einkaufsstrassen des Weddings (so die Bad- oder
Müllerstrasse) eine erste Begegnung mit der von Adenauer und Erhard geschaffenen Freien Marktwirtschaft, die für sie,
die sie nur die staatlich verordnete Mangel-Plan- und Kartenwirtschaft des Sowjetzonensystems kannten, nur träumen konnten.
Verständlich, dass da der Wunsch, sich dieses verhassten Regimes zu entledigen ins Riesige wuchs.
Am 17.Juni 1953 war es soweit:
In Ost-Berlin und der DDR begann der Volksaufstand gegen die SED-Diktatur. So sah der Wedding den Zug der streikenden
Hennigsdorfer Metallarbeiter in voller Länge durch den Wedding nach Ost-Berlin ziehen, um dort die dort Streikenden
zu unterstützen. Nach der Niederschlagung des Volksaufstandes durch die Sowjets herrschte im SED-Herrschaftsbereich
wieder Friedhofsruhe. Als Folge dieser Ereignisse wurde die Grenze zwischen West- und Ost-Berlin – so auch die Grenze zum
Wedding – von den DDR-Machthabern erstmals (wenn auch nur temporär) geschlossen. Viele Opfer des Aufstandes wurden auf
dem Urnenfriedhof an der Seestrasse beigesetzt, wo auch für die Opfer ein Ehrenmal errichtet wurde. Der Wedding jedoch
machte weitere Fortschritte:
In Anknüpfung an die Bautradition der späten 20er Jahre wurde 1955-1956 das Neubaugebiet Schillerhöhe errichtet
nachdem bereits 1954 die Ernst-Reuter-Siedlung durch Bundespräsident Theodor Heuss eingeweiht wurde. Zu den prägenden
Persönlichkeiten des Bezirks gehörte zweifellos der populäre Heimatforscher und langjährige
Leiter des Heimatarchivs, Bruno Stephan (1896-1983), der mit seinem profunden Wissen ein „wandelndes Lexikon“ des Weddings
darstellte.
Die wohl größte Zäsur in der Geschichte des Weddings stellte der Bau der Mauer und die
hermetische Absperrung der Grenze durch die kommunistischen Machthaber der DDR am Sonntag, den 13. August 1961 dar – und dies
in einem Jahr, wo sich der Wedding anschickte, seinen 100. Geburtstag als Bezirk von Berlin zu feiern.
Eine der barbarischsten Praktiken an der Grenze war der brutale und unmenschliche Schießbefehl,
durch den an der Grenze zum Wedding bis zum Fall der Mauer zahlreiche Flüchtlinge ihr Leben verloren. Spektakuläre
Fluchten und Fluchtopfer (besonders an der Bernauer Strasse) rückten den Wedding in den Blickpunkt der Welt
(so auch die Fluchten durch gegrabene Tunnel, an deren Grabung u. a. der spätere Astronaut Furrer beteiligt war).
Der Wedding lag nun im Schatten der Mauer und war von seinen Nachbarbezirken Mitte, Prenzlauer Berg und Pankow abgeschnitten.
Dennoch ging es im Wedding auch in dieser schweren Zeit weiter:
Die Sanierung des Brunnenkiezes in den 60er und 70er Jahren machten den Wedding zum größten Sanierungsgebiet in
Europa. 1965 wurde der Erweiterungsbau des Rathauses an der Müllerstrasse in Form eines Hochhause eingeweiht.
Eine wichtige Weichenstellung für den Bezirk war die Etablierung des Innovations- und Gründerzentrums
auf dem Gelände der ehemaligen AEG. Eine völlig neue Situation und Chance ergab sich für den Wedding,
als am 9. November 1989 die Maueröffnung erfolgte und eine endlose Schar von Besuchern aus Ost-Berlin und der DDR
den Wedding bevölkerten. Die Einkaufsstrassen, wie die Brunnen- und die Müllerstraßewaren regelrecht
schwarz von Menschen und die Strassen mit Trabant- und Wartburgautos voll gestopft.
Das 28 Jahre währende Leben des Weddings im Schatten der Mauer und als Grenzbezirk hatte ein Ende.
Und als am 3. Oktober 1990 die Wiedervereinigung unseres Vaterlandes erfolgte, begann auch für den Wedding ein neues
Kapitel seiner Geschichte. Eine neue und große Herausforderung für den Bezirk stellt seit den 70er
Jahren das Problem der zahlreichen Migranten und deren Integration dar. Ein weiteres und weit reichendes Kapitel des
Bezirks begann mit seiner Fusion mit den beiden Bezirken Mitte und Tiergarten.
Der Wedding hatte nun nach 140 Jahren als Bezirk aufgehört zu bestehen und wurde Teil des neuen
Bezirkes Mitte und somit ein Teil des Regierungs- und Parlamentsbezirks der deutschen Hauptstadt. Eine Entwicklung, an die
1861 - als der Wedding endgültig ein Teil von Berlin wurde - noch niemand zu denken wagte.
Ganz herzlichen Dank an unser Mitglied Hans Berg für diesen
tollen Beitrag!
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